Honigdachse auf Sächsischer Weinwanderung

Geneigte Leserschaft des gepflegten Harz- und Rebenhandwerks,

es gibt Dinge, die sollte man als gewissenhafter Chronist nicht unter den vereinseigenen Schanktisch fallen lassen. Dazu zählt zum einen ein anständiger Spielbericht. Zum anderen die Wahrheit. Und die Wahrheit ist:

Das Hinspiel in Weinböhla hätte längst einen literarischen Korkenflug verdient. So scheitern manche Texte nicht an mangelnder Kreativität, fehlender Zeit oder schwindender Erinnerung. Manche Texte sterben einfach einen nassen Tod. So geschehen mit dem Spielbericht des Hinspiels in Weinböhla. Dieser war nach dem 32:28-Auswärtssieg der Honigdachse am 01.11.2025 eigentlich bereits in Arbeit, als ein Glas Wein – der Ironie halber vermutlich nicht einmal ein besonders guter Tropfen – seinen Inhalt in voller Breite über das literarische Werk ergoss und damit das Schicksal des Berichts besiegelte. Was als Chronik eines gelungenen Auswärtsauftritts begonnen hatte, endete als feuchter Zellstofffriedhof. Die Punkte blieben, die Worte ersoffen. Es war, wenn man so will, der vielleicht passendste aller Tode für einen Bericht über Weinböhla: vollständig durchnässt, komplett verkorkt und nie veröffentlicht. Da guter Wein aber bekanntlich lagern darf und manche Geschichten eben einen zweiten Ausschank benötigen, bot das Rückspiel gegen eben jenen HSV Weinböhla nun die wunderbare Gelegenheit, die untergegangene Flasche gewissermaßen noch einmal zu öffnen.

Zweite Weinprobe binnen acht Tagen. In der Vorwoche bescherten uns önologische Feldforschungen bereits eine recht erfolgreiche Exkursion ins Radebeuler Rebenreich. Wer nun glaubte, die Honigdachse würden nach einer derartigen Studienreise erstmal Wasser trinken, kennt die sportwissenschaftliche Arbeitsweise des ESV schlecht. So stand diese Woche also direkt die nächste verbandsligataugliche Weinverkostung auf dem Lehrplan. Diesmal allerdings nicht zwischen Hanglage und Postkartenidylle, wo man zwischen Fachwerk und Feigenblatt den Bildungsbürger mimen musste. Nein, Weinböhla kam in den heimischen Lokschuppen, wo statt Käsewürfeln und Spucknapf eher Harz, Schweiß und gelegentlich robuste Defensivarbeit gereicht werden. Und was soll man sagen: Auch dieser Tropfen ließ sich am Ende ganz ordentlich wegatmen. Der ESV gewann mit 32:25, nachdem zur Pause bereits ein durchaus angenehm trinkbares 19:12 auf der Anzeigetafel geglänzt hatte.

Dabei begann die Angelegenheit zunächst noch wie eine klassische Probe im unteren Preissegment: kurzes Schwenken, vorsichtiges Nippen, 2:2. Der erste Schluck des ersten Glases, bei dem noch niemand so recht weiß, ob das jetzt etwas Großes wird oder ob man später höflich von „interessanter Note“ sprechen muss. Man möchte von sensorischem Abtasten sprechen. Beide Mannschaften waren noch damit beschäftigt Bouquet und Wurfarm auf Betriebstemperatur zu bringen. Doch dann machten die Dresdner ernst und behandelten die Gäste wie ein halbwegs seriöser Weinkenner eine Flasche aus dem Discounter: kurz prüfen, dann zügig aussortieren. Hinten stand die Abwehr wie ein gut verschlossener Weinkeller. Unterstützt wurde das Ganze von einem Hüter, der seinen Kasten an diesem Abend mit der Strenge eines Winzers bewachte, der Fremde grundsätzlich nicht an sein bestes Fass lässt. Fünf Gegentore in 17 Minuten sprechen in der Verbandsliga ungefähr dieselbe Sprache wie ein Goldaufkleber auf der Flasche: Da hat irgendjemand seinen Job ziemlich ordentlich erledigt. Eine derart stabile Defensivleistung erlebt man bei unseren Honigdachsen ungefähr so selten wie einen komplett nüchternen Sonntagmorgen nach Heimspiel und Kneipenbesuch.

Vorn zerschlugen die Honigdachse das Weinglas und köpften die „Magnus“flasche. Unser Jungsommelier marschierte solide davon und schenkte den Gästen ein, was das Rebenwerk hergab. Das löste in der Weinböhlaer Verteidigung offensichtlich ähnliche Gefühle aus, wie ein Wespennest beim Sommergrillen. Das veranlasste die Weinböhlaer Winzergenossenschaft offenbar dazu, unserem Weinbauern bei der Lese etwas direkter auf die Finger zu schauen. Was auf dem Papier nach großem taktischen Besteck klingt, entwickelte sich im Spielverlauf allerdings eher zu einem geselligen Wiedersehen. Keine erbitterten Zweikämpfe, sondern zwischenmenschliche Maßnahmen wurden angestrebt. Andere Mannschaften laufen Kreuzungen, wir pflegen soziale Kontakte. Auch das ist Handballromantik in Sachsen: Du wirst in Manndeckung genommen und führst erstmal ein freundliches Gespräch. Die Verbandsliga Ost bleibt eben das, was sie immer war – Hochleistungssport mit Dorfkneipenwärme.

Wenn es um echte Ausschankqualitäten geht, müssen wir natürlich auf den Mann für die wirklich feinen Tropfen verweisen. Jener noch namenlose Held, dessen endgültiger Spitzname noch in der Reifekammer schlummert, übernahm einmal mehr die Funktion des vereinseigenen Kellermeisters. 11 Hütten, eiskalt vom Strich, zuverlässig wie das Finanzamt. Man hatte das Gefühl, der gute Mann sei mit dem 7-Meter-Strich nicht nur vertraut, sondern im Grundbuch eingetragen. Besonders wertvoll wurde diese Treffsicherheit, weil der etatmäßige Premium-Werfer mal wieder beim „3. Glas“ offenbar etwas zu tief ins metaphorische Bouquet eingetaucht war und die Sache mit dem Strafwurf eher als Stippvisite denn als reine Ergebnisoptimierung ansah. Vielleicht ist für den 3. Wurf hier das nächste Mal eine eher experimentellere Linie angedacht und nicht die gewohnte Jahrgangsqualität. Doch während anderswo Ratlosigkeit einkehrt, verfügt man beim ESV über einen Zweitkorkenzieher im Besteckkasten.

Mit dem 19:12 zur Pause war die erste Flasche praktisch geleert, und man hätte meinen können, dass der Abend bereits sauber dekantiert sei. Der ESV hatte das Spiel im Griff, die Gäste wirkten zunehmend so, als hätten sie statt eines frischen Weißweins versehentlich einen sehr schweren Roten bestellt. Doch wie jeder erfahrene Wein- & Verbandsligafreund weiß: Gerade wenn man denkt, das Bouquet sei vollständig beschrieben, kommt hinten raus nochmal etwas Unerwartetes. Während die Honigdachse noch dem Chefsommelier beim Schwadronieren über die 1. Halbzeit zuhörten und versuchten seinen Beschreibungen der Weine für die nächsten 30 Minuten zu folgen, kamen die Gäste zurück, als hätten sie den letzten Bus verpasst und würden jetzt doch noch auf einen Absacker bleiben. So leerten die Gäste zügig einen Eimer Sangria und verkürzten in Minute 39 auf drei Tore. Für einen kurzen Moment roch es im Lokschuppen eher nach Nervosität als nach Barrique. Für einen Augenblick schien es, als würde aus der gemütlichen Hausverkostung doch noch eine Blindprobe werden. Im Lokschuppen zog ein Hauch von „Bitte nicht wieder umkippen“ durch die Reihen. Halbtrockener Kontrollverlust? Nein Danke. Heute wird nichts verschüttet. Die Honigdachse ließen sich nicht dauerhaft den Gaumen verderben. Statt ins Schlingern zu geraten, stabilisierte sich der ESV wieder, zog die Zügel an und arbeitete sich bis kurz vor Ultimo auf neun Tore Vorsprung hoch, der sportliche Korken längst gezogen. Das war dann keine Verkostung mehr, das war bereits kontrollierte Abfüllung im industriellen Maßstab. Die letzten zwei Treffer der Gäste kurz vor Schluss hatten dann ungefähr denselben Einfluss wie Petersilie auf der Kantinenlasagne: nett fürs Auge, aber nicht weiter relevant. Die kosmetische Etikettenpflege durch die Gäste endete nach 60 Spielminuten also mit einem 32:25-Endstand.

So wurde aus der zweiten Weinwoche in Folge eine überaus ertragreiche Lese. Damit kann die laufende Studienreihe „Sächsischer Wein und seine Wirkung auf die Verbandsliga Ost“ als voller Erfolg bezeichnet werden. Nach Radebeul wurde nun auch Weinböhla fachgerecht verkostet, bewertet und punktetechnisch abgefüllt. Man kann also festhalten, dass die Honigdachse im sächsischen Rebenmilieu inzwischen nicht nur trinkfest, sondern auch punktesicher unterwegs sind und sich damit endgültig zu einer ernstzunehmenden Kraft im sächsischen Weinwesen ge“dachst“ haben. Bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft bei der nächsten thematischen Steilvorlage ähnlich zuverlässig zugreift und der dazugehörige Bericht dann nicht wieder verschwindet wie ein namenloser Landwein.

Dass guter Sport am schönsten in Gesellschaft nachhallt, bewies anschließend der gemeinsame Abend in der vereinseigenen Kneipe. Wie es sich für eine gelungene Verkostung gehört, wurde das Beste des Jahrgangs anschließend nicht im Stillen beendet, sondern in würdigem Rahmen nachbesprochen. So ergab sich ein Bild, das jedem Vereinsromantiker feuchte Augen und jedem Thekenphilosophen neue Kraft verleiht: die siegreichen Ballier der M1 und die ebenso erfolgreichen Elfen F1, die zuvor den Damen aus Radebeul die Punkte abgeknöpft hatten, vereint. So saßen am Ende gleich zwei erfolgreiche ESV-Delegationen beim interdisziplinären Erfahrungsaustausch beisammen und vereinten das Beste zweier Weinwelten – hier ein Sieg gegen Weinböhla, dort ein Erfolg gegen Radebeul, gemeinsam ausgeschenkt unter ESV-Dach. Zwei Siege, ein Verein, ein Tresen. Wenn das kein gelungener Cuvée ist.

Es dekantierten:

Nero-Nick, Huxelrebe-Hannes (4), Silvaner-Steini (4), Ortega-Oli (11), Faber-Flo, Johanniter-Jörg, Dornfelder-Douglas (2), Juwel-Jonah (2), Portugieser-Paul, Merlot-Magnus (4), Müller-Max (2), Nebbiolo-Niklas (3) und auf der Bank der Kellermeister, Barrique-Bomber und der Korkenflüsterer

 

Ansprechpartner (VLM)

HeikoHoffmannHeiko Hoffmann

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