VLMO: LHV Hoyerswerda II - ESV Dresden 23:39 (11:18)

Honigdachse unterwegs im Lausitzer Revier

Geneigte Leserschaft des gepflegten Harz- und Bergbauhandwerks,
wenn man an Hoyerswerda denkt, landet man unweigerlich

irgendwo zwischen Braunkohle, Strukturwandel, Konrad Zuse und Gerhard Gundermann. Also zwischen Rechenmaschine, Schaufelradbagger und der Erkenntnis, dass aus schwerem Gerät mitunter erstaunlich viel Poesie entstehen kann. Und weil der gute Gundermann nicht nur Baggerfahrer, sondern auch Namenspatron einer ausgesprochen zähen Pflanze war, passt die Gundermann-Blume als Bild vielleicht gar nicht schlecht auf die aktuelle Verfasstheit der Dresdner Honigdachse: robust, ausdauernd, hartnäckig und dort wachsend, wo andere erstmal den Boden prüfen würden.

So führte das dritte Saisonspiel der neuen Verbandsligarunde die Ballier am 19.09.2026 um 16:00 Uhr in die Sporthalle des BSZ „Konrad Zuse“ nach Hoyerswerda, wo am Ende ein standesgemäßer 39:23-Auswärtssieg auf der Anzeigetafel leuchtete. Zur Halbzeit stand es bereits 18:11 für den ESV, und doch erzählt dieses Ergebnis die Geschichte des Nachmittags nur unvollständig. Denn wer 39 Tore wirft und sich danach trotzdem noch fragt, warum es eigentlich nicht mindestens zehn mehr geworden sind, der hat an diesem Tag entweder sehr hohe Ansprüche – oder Hoffi Hoffmann 3000 mit seiner markanten Strichliste nicht einmal ernsthaft in Betrieb gesehen. Und genau so war es: Die ganz große Rubrik „vergebene Hundertprozenter“ wurde diesmal noch gar nicht vollumfänglich er-öffnet. Sonst hätte der Spielbericht vermutlich auch tabellarische Anlagen gebraucht.

Dabei startete die Partie zunächst so, wie Auswärtsspiele in der Lausitz eben gern beginnen: nicht direkt katastrophal, aber auch noch nicht im vollen Förderbetrieb. Zwar legten die Dresdner mit 2:0 vor, doch wenig später stand ein 2:3 auf der Tafel, und man durfte sich kurz fragen, ob man im Zuse-Tempel heute eher auf exakte Rechenkunst oder auf improvisierte Feldforschung setzen würde. Die Antwort lautete wenig später: beides. Denn nach dieser kurzen Einfrierphase schaltete der ESV hoch und begann, das Spiel mit jener Mischung aus Tempospiel, Abschlussfreude und leicht anar-chischer Großzügigkeit zu dominieren, die den Balliern derzeit so eigen ist.
Eine Rolle spielte dabei sicher auch, dass dank der Dynamik des Dresdner Rückraums die heimischen Tagebaujungs frühzeitig mehrmals in Unterzahl agieren mussten. Und ja, der Schreiberling weiß selbst, wie ungewöhnlich dieser Satz klingt: Dynamik des ESV-Rückraums. Hätte ich auch nie gedacht, dass ich das mal in einen Spielbericht tippe, aber die Faktenlage zwingt dazu. Die Gastgeber verteidigten in diesen Phasen nicht nur in Unterzahl, sondern bisweilen auch mit jener Lückenbildung, die man sonst eher aus geologischen Querschnitten der Lausitz kennt. Das half dem ESV, zunehmend ins Rollen zu kommen und die Partie früh in eine Richtung zu lenken, die aus Dresdner Sicht sehr angenehm war.

Nun muss man zur Ehrenrettung der Gastgeber aber festhalten: Ganz aus dem Nichts kam der teil-weise sichtbare Klassenunterschied nicht. Bereits im Vorspiel hatte die dritte Mannschaft des LHV in grünen Leibchen die Braukünstler aus Eibau mit 36:16 standesgemäß abgewatscht. Man hatte an diesem Nachmittag also bereits einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen, dass die Hoyerswerdaer Kadertiefe nicht zwingend gleichmäßig über alle Teams verteilt ist. Böse Zungen hätten vielleicht von einem Unterschied in Fördermenge und Fördertechnik gesprochen. Wir natürlich nicht. Wir schreiben schließlich Spielberichte und keine Wahrheiten. Die Männer der Zweiten jedenfalls sind sympathisch, geben Gas und versuchen, aus ihren Mitteln das Beste zu machen. Nun wirkte es an diesem Tage nur so, als träfen zwei Mannschaften aufeinander, die aktuell noch auf leicht unter-schiedlichen Entwicklungsständen durch die Verbandsligalandschaft pflügen. Poetisch gesprochen: Die einen buddeln noch an der Sohle, die anderen fahren schon mit dem Förderband aus den Abstiegsrängen.
Zur Pause hatten sich die Ballier auf 18:11 abgesetzt, doch in der Kabine war nicht alles eitel Sonnenschein. Hoffmaster3000, zuständig für Taktik, Anspruch und verbale Qualitätskontrolle, war trotz nur elf Gegentreffern nicht vollständig zufrieden mit dem Defensivverhalten. Auch daran erkennt man, wie sich die Maßstäbe im Lokschuppen verschoben haben. Früher hätte man bei +7 vermutlich schon über die Reihenfolge des ersten Kaltgetränks debattiert. Heute gibt es Halbzeitkritik. Will-kommen in der neuen Welt der Honigdachse, wo selbst komfortable Halbzeitführungen nur noch als Einladung zum Nörgeln auf hohem Niveau gelesen werden. Der ESV ist, man muss es so sagen, erwachsener geworden – auch wenn das auf dem Feld nicht immer lückenlos nachgewiesen werden kann.

Ein gewisser Herr O. aus der Täuschungsabteilung verlor bei einem Konter den Ball bereits beim Antäuschen des Wurfes, was im Prinzip die eleganteste Form ist, eine Überzahl komplett ohne gegnerische Einwirkung zu entsorgen und nur auf den ersten Blick simpel wirkt. Wurde doch so das Umschaltspiel der Gegner mit dem Ballvortrag in die hinterste Ecke der Zuse-Halle direkt im Keim erstickt. Ein anderer Protagonist, nennen wir ihn zurückhaltend M., verweigerte bei einem 1-0-Konter in der gegnerischen Hälfte zunächst den Abschluss und spielte lieber nochmal auf den heraneilen-den M2.0. Der wiederum retournierte den Ball mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte man sich mitten in eine bislang unveröffentlichte Wilhelm-Busch-Folge verirrt. Max und Moritz, nur eben mit Handballschuhen: zwei Buben, ein freier Weg zum Tor und am Ende doch mehr Verwirrung als Verwertung. Dass der Konter anschließend tatsächlich noch vergeben wurde, verlieh der Szene schließ-lich die notwendige Pointe. Es ist eben diese besondere Mischung aus spielerischer Klasse und künstlerischer Unvernunft, die den Balliern seit Jahren ihr unverwechselbares Profil verleiht: „Rein sportlich unnötig, aber literarisch ein Volltreffer“.

Auch die Jagd auf runde Zahlen verlief nicht ganz ohne Kollateralschaden. Das 30. Tor fiel immerhin planmäßig durch unseren Burgherren und frischgebackenem Vater, der seit dem jüngsten Baby-boom offenbar nicht nur Windeln wechselt, sondern auch 7-Meter souverän verwaltet. Die Versorgungslage der Honigdachse wäre also schon mal gesichert. Und ich hab mir sagen lassen, dass ein anderer werdender Vater die gleiche Treffsicherheit erhofft. Beim 40. Tor allerdings versagte die Dresdner Großzügigkeit bzw. wurde der Soli hier nicht standesgemäß entrichtet. Die 40 blieb damit dort, wo an diesem Nachmittag einige Bälle landeten: theoretisch absolut erreichbar, praktisch aber erstaunlich weit weg. Manchmal fehlt zum ganz großen Ergebnis eben nur ein letzter Wurf. Oder drei. Oder sieben.

Trotz aller Fehlwürfe und missglückten Konter gibt es aber auch Positives in Sachen Tempogegenstoß zu vermelden. Ein Spieler, dessen Name an dieser Stelle zum Schutze der eigenen Bescheidenheit unterschlagen wird, erzielte zwei lupenreine Kontertore, und zwar ausdrücklich 2 und nicht eins! Manchmal muss man Tatsachen mit der Wucht eines Abraumbaggers ins Protokoll drücken, bevor sie unterwegs noch verloren gehen wie freie Würfe in Hoyerswerda.
In Hälfte zwei blieb die Angelegenheit entsprechend einseitig. Hoyerswerda ackerte, die Ballier trafen, verwarfen und trafen wieder. Das Ergebnis wuchs kontinuierlich an, ohne dass der ESV jemals das Gefühl vermitteln musste, hier könne noch ernsthaft etwas anbrennen.

Und als wäre das alles nicht schon genug Lausitz-Connection für einen Nachmittag gewesen, schauten auch noch unsere Freunde von der SG LVB Leipzig bei diesem Handballschmankerl vorbei. Die zeigten später am Abend in ihrer Oberligapartie gegen Hoywoy I, dass Kohle eben auf Schienen transportiert wird, und gewannen mit 29:27. Man könnte also sagen: Das Trainingslager im ESV-Lokschuppen hat sich ausgezahlt – für die Landespokalsieger aus Leipzig ebenso wie für die Dresdner Honigdachse. Auch dort steht nach diesem Auftakt ein sattes 6:0, und man darf wohl festhalten, dass der Lok-Geist in diesem September erstaunlich zuverlässig rollt.
Apropos 6:0: Auch der ESV selbst steht nach drei Spielen mit makelloser Bilanz da. Und weil weder das gute alte NuLiga noch das modern geschniegelt auftretende handball.net mal eben aus dem Ärmel schütteln, wann die Lokfahrer zuletzt so erfolgreich in eine Saison gestartet sind, darf man mit einiger Berechtigung behaupten, dass wir hier zumindest in die Nähe historischer Frühformen vor-stoßen. Dass ausgerechnet diese Ballier-Truppe mal, wie ein ernstzunehmender Frühstarter durch die Liga pflügt, hätte man vor einigen Jahren wohl eher im Bereich satirischer Fiktion verortet. Der Blick zurück bis 2016/17 liefert jedenfalls nicht eine ähnlich makellose Erzählung.
Das ist schön, das darf man genießen – aber ein kleines bisschen Einordnung schadet natürlich nie.
Denn bei aller Freude über den gelungenen Saisonstart gilt eben auch: Die wirklichen Standortbestimmungen warten noch. Die Spitzenteams stehen eher nicht in den ersten drei Kapiteln der Sai-son, sondern klopfen in den kommenden Wochen an die Hallentür – allen voran schon am nächsten Wochenende die Winzer aus Weinböhla. Dort wird sich dann zeigen, ob die aktuelle Dresdner Fördermenge nicht nur gegen sympathische Tagebauromantik, sondern auch gegen schweres Verbandsligawinzergerät Bestand hat.

Bis dahin bleibt ein sehr unterhaltsamer, sehr deutlicher und phasenweise herrlich überdrehter Auswärtssieg in der Lausitz. Einer mit Gundermann, Zuse, Förderbandhandball, väterlicher Siebenmeterpräzision, literarischen Konterfiguren und der beruhigenden Erkenntnis, dass selbst 39 Tore noch nicht das Ende der Fahnenstange sein müssen – zumindest solange Hoffis Strichliste im Holster bleibt.

Es baggerten, rechneten und blühten:
Nick Nulllinie, Hanni Halde (6), Steini Schurfkante (2), Olli O-Ton (3), Flo Flöz (2), Jörni Grubengold (1), Dave Doppelschicht (2), Jojo Juwelenstollen (4), Magnus Muldenkipper (2), Maximaler M. (2), Momo Moräne (2), Andi Abraum (6), Jan-Ole Jahresförderung (2), Borgi Braunkohle (5), Ivo Immis-sionsschutz, Hoffmaster3000

Ansprechpartner (VLM)

HeikoHoffmannHeiko Hoffmann

 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.