Im Pokal ist alles möglich, sagt man. „Der Pokal schreibt seine eigenen Geschichten“
heißt es in quasi jeder normalen Sportlerkneipe vor einem Pokalklassiker. Da ist auch egal, welche Sportart man betrachtet. Im Fußball, Hockey, Tennis, Unterwasserhalma oder eben auch im ESV-Handballkosmos ist die Verlockung immer besonders groß, wenn möglichst unterschiedlich starke Mannschaften aufeinandertreffen. Der Pokal ist der verlockende Ausbruch aus dem alt bekannten Ligasystem, der Reiz des Unbekannten, das Chili in der Schokolade, der Kampf des kleinen David gegen riesigen Goliath.
Allen ist natürlich klar, dass der vermeintliche Underdog eigentlich selten eine Chance hat, aber wenn es dann doch eng wird, schlagen die Fan- und Spielerherzen gemeinsam höher, schneller, stärker. Fast logisch klingt es dadurch, dass auch die bahnfahrenden Honigdachse vom ESV sich diesem Wettbewerb in dieser Saison stellen wollten. Hatte man all die Jahre vorher noch abwartend abgesagt, war dieses Jahr die Abstimmung positiv und es wurde gemeldet. Auch wenn natürlich allen die qualitativen Unterschiede zwischen den Spielklassen bewusst waren.
Der historische Erfolg war es dieses Jahr nicht nur die erste Runde zu überstehen, sondern alle drei Pokalspiele zu gewinnen. Ein Erfolg, der tatsächlich noch nie vorher zu verzeichnen war. Und was waren das für Spiele? Erst ein knappes 15:18 in Pleißental gegen den ansässigen HC. Dann das Achtelfinale in Kamenz mit 32:37. Und schließlich das Viertelfinale vor heimischer Kulisse gegen den Sachsenligisten ZHC Grubenlampe mit einemüberragenden 31:24.
Gerade das letzte Spiel hätte für Außenstehende schon unter den Vorzeichen eines dankbaren Abschieds stehen können, spielte man doch gegen den Viertplatzierten der besseren Sachsenliga. Doch da ist sie wieder: Die Magie des Pokals. Mit beinhartem Kampf, einem guten Siegeswillen und einer liebevoll, einzigartig, gewöhnungsbedürften Halle mit grandiosen Fans im Rücken schaffte man den Einzug ins Halbfinale. Die Jungs und Männer der Kohleschipper machten schon dort das Emerich-Ambros-Ufer zu einem Tollhaus und einem Hexenkessel der Handball-Underdog-Fanatik.
Doch, die größte Sensation und der beste Erfolg muss sich im Sport immer an seiner Fortsetzung messen. Am nächsten Spiel, an der nächsten Challenge.
Da war es also, das Halbfinale.
Der Gegner dieses Mal, war kein Geringerer als der BSV Limbach-Oberfrohna. Der aktuelle Tabellenführer der Sachsenliga. Gibt es einen größeren Gegner für ein Niederklassiges Team im Pokal als die wohl stärkste Mannschaft der stärkeren Spielklasse? Kurze Antwort: Nein.
Aber juckt das irgendwen beim ESV?
Antwort: Nein.
Wenn man etwas behaupten kann, dann dass der Respekt vor der Sachsenliga in dieser Saison erheblich geschrumpft ist. Wurde letztes Jahr noch knapp die Relegation gegen den Abstieg aus der Verbandsliga geschafft, klopft man dieses Jahr oben in der Tabelle an, wirft einen starken Sachsenligisten aus dem Pokal und träumt gelegentlich von einem Aufstiegsszenario. Aber erstmal kleine Brötchen backen. Erstmal den nächsten Sachsenligisten eliminieren.
Und so startete der ESV in die Halbfinalvorbereitung mit dem Aufruf an alle Fans, sich in Rot zu zeigen und einen vereinsfarbenen Zuschauerblock zu erschaffen. Und das ging auf. War die Halle zum Viertelfinale schon voll, war sie zum Halbfinale so voll, wie ich sie persönlich noch nie gesehen habe.
Rote Shirts, Tröten und Halstücher waren überall. Die Menschen drängten in die verwinkelte Sportstätte und selbst der Einlass musste an den Seiteneingang verlegt werden, um die Millionen an Eintrittsgeldern abkassieren zu können.
Ich vermute jeder Handballer liebt diese Momente und genau solche Spiele. Ist es nicht das, wo einem jedem ‚Amateur‘-Sportler das Herz erst auf Grundeis und dann richtig aufgeht? Wenn alle Fans und Freunde ihren Sonntag freiräumen, um DAS Highlight der Saison mitzuerleben. Es war also alles angerichtet. Die Halle voll mit Heimfans und gleichzeitig war auch der mit etlichen trommeln besetze Gästeblock ordentlich besetzt.
Und dann: Anpfiff.
Kein Abtasten war zu sehen. Kein verhaltenes reinschnuppern in die Partie. Es wurde direkt körperlich. Die Abwehrreihen bewegten sich hin und her, vor und zurück. Nicht verwunderlich war es, dass es am Anfang eher zu einer Egalisierung der beiden Teams kam. Ich muss gestehen, dass ich als Verletzter Spieler natürlich sehr gerne gespielt hätte, aber auch ein winziges kleines Bisschen froh war, nicht in jedem Angriff verhauen zu werden. Das Spiel war nicht unfair, aber hart geführt. Jedes Tor wurde im Eins gegen Eins erkämpft und hinten wieder verteidigt. Es ist schwer den Abnutzungskampf in Worten darzustellen, aber mit jeder Minute wuchs die Ehrfurcht vor der ESV Leistung auf den Rängen. Wieder war es zu spüren. Das Gefühl, dass hier etwas gehen könnte. Jede Torhüter Parade wurde frenetisch gefeiert und jedes Tor vorne wie ein Lottosieg bejubelt.
So stand es in der 25. Minute unentschieden 10:10 – ein Ergebnis, das knapper nicht sein konnte. Doch dann minimale Ungeschicklichkeiten und kleine Fehler und zack stand es zur Halbzeit ‚nur‘ 12:14.
Mit angespannten Gesichtern marschierten die roten Recken in den Kabinengang. Voll im Fokus. Für mich war die Unzufriedenheit deutlich spürbar. Man spürte den Willen in jeder Phaser der Spieler hier nach der Halbzeit das Ruder wieder herumzureißen.
Die Zweite Halbzeit begann und für den geschulten Handballer waren jetzt zum ersten Mal kleine Unterschiede erkennbar. Jeder Ballverlust wurde direkt bestraft. Wurfvarianten wurden gezeigt und man konnte sehen, wie die Mannen aus Limbach-Oberfrohna wirklich noch eine kleine Schippe drauflegen konnten. Aus zwei Toren wurden vier Abstand. Jede 2-Minuten-Strafe tat doppelt weh, weil die Gäste jede noch so kleine Lücke gnadenlos bespielten und trafen. Es war eine Phase, in welcher man den wilden Honigdachsen noch nicht Mal einen Vorwurf machen konnte. Sie spielten gut. Aber gut war dennoch nicht besser als was die Gäste zeigten. Mit einem weinend-anerkennenden Auge musste man zuschauen, wie sich die leider bessere Mannschaft Stück für Stück nach vorne arbeiteten und den Abstand vergrößerten.
Zum Ende hin, war es klar, wer das Rennen zum Finale machen würde.
Man sah den Fans und Spieler der Lok an, dass die Enttäuschung zum Abpfiff durchkam. Man konnte regelrecht hören, wie der Traum auf das Finale in der Ballsportarena zum platzen kam. Wie betäubt standen nach dem Schlusspfiff alle Spieler auf dem Feld und mussten sich teilweise trösten lassen. Doch selten fielen Worte des Trostes so leicht wie an diesem Tag.
Für jeden, dem ich es ab diesem Abend noch nicht ins Ohr schreien konnte, hier nochmal ein paar positive Gedanken zu dem Abend der Niederlage:
Ihr Spieler habt eine unglaublich starke Leistung gezeigt. Ich meine nicht nur das Spiel an diesem Tag. Ich meine nicht nur die starke Platzierung in der Liga, den grandiosen lauf im Pokal, wo man sogar einen Sachsenligisten rauswerfen konnte. Ich meine auch, die volle Halle. Die vielen Freunde, Fans und Bekannten, die aufgrund des außergewöhnlichen Ereignisses alle in die Halle gelockt wurden, weil Ihr als Team dieses Halbfinale erreicht habt. Ihr habt den ESV nicht nur würdig vertreten, sondern die beste Seite des Vereinssportes gezeigt. Denn es waren nicht nur harte ESV Fans in der Sportstätte. Nicht mal nur Handballfans. Ich habe Menschen aus ganz Dresden und Umgebung gesehen. Manche von anderen Vereinen, manche ganz Handball fremd. All diese Menschen haben gesehen was der ESV für uns alle bedeutet. Zusammenhalt, Gemeinschaft und guter, ansprechender Sport. Das war Werbung für den ganzen Verein. Das ist mehr wert als jeder einsame Finaleinzug.
Das Bild, wo alle Fans und Spieler und Verantwortliche nach dem Spiel vor dem Tor stehen, werde ich nie vergessen. All diese rot angezogenen Menschen sind Teil der ESV-Familie. Und dieses schöne Familientreffen hat ihr als Mannschaft möglich gemacht. Und das war legendär.
