Tagebucheintrag 24678
Montag
Liebes Tagebuch,
was für ein Wochenende!
Der Samstag begann zu einer Uhrzeit, zu der normale Menschen noch friedlich schlafen. Aber nicht
für mich. Der Wecker klingelte, also raus aus den Federn. Erst ging es zum Friseur, dann zur Trauung
und anschließend zur Party. Zwischen geschniegelt, geheult, gelacht, getanzt und gefeiert verflog der
Tag wie ein Tempogegenstoß.
Irgendwann spät in der Nacht (oder war es schon wieder hell?) fiel ich ins Bett und dachte nur:
"Morgen kannst du ausschlafen."
Haha. Nein.
Der Sonntag begrüßte mich stattdessen mit einem panischen ersten Gedanken:
„Hat Mara heute Spiel beim MSV Dresden ... oder ich?“
Kurzes Starren an die Decke. Dann die Erkenntnis.
ICH!!!
Schlagartig war ich wach.
Nach 147 Tagen ohne Punktspiel war es endlich so weit. Einhundertsiebenundvierzig Tage! Das sind
ungefähr fünf Monate, zwölf Jahre in Handballerinnen-Zeit oder gefühlt die komplette Herr-der-Ringe-
Trilogie in Zeitlupe.
Endlich wieder Punktspiel. Endlich wieder Kabine. Endlich wieder dieses Kribbeln, das schon Stunden
vor dem Anpfiff im Bauch herumtanzt.
Unser erster Gegner der Saison: MSV Dresden III.
Ein Team, das wir noch gar nicht kannten. In der vergangenen Saison spielte der MSV noch in der
Regionsliga und gewann dort einfach mal alle zwölf Spiele. Nicht elf. Nicht zehn. Alle zwölf.
Nicht gerade die Information, die den Puls beruhigt.
Da weiß man direkt: Das wird kein gemütlicher Sonntagsausflug.
Doch auch bei uns war vieles neu.
Aus der ehemaligen 2. Frauenmannschaft und der 3. Frauenmannschaft wurde für diese Saison
unsere neue F2. In den vergangenen Wochen wurde gemeinsam geschwitzt, gerannt, gelacht und
festgestellt, dass unsere Trainer offenbar ein sehr persönliches Verhältnis zu Intervallläufen und
Burpees haben.
Und so standen wir nun da.
15 Elfen.
Mit guter Laune. Mit Lust auf Handball. Mit Vorfreude. Und ja, auch mit einer ordentlichen Portion
Nervosität.
In der Kabine wurden Schuhe geschnürt. Hände getaped. Haare geflochten. Noch einmal tief
durchgeatmet. Und natürlich durfte auch ein kleiner Elfensekt nicht fehlen.
Dann ging es endlich aufs Feld.
Der Anpfiff ertönte.
Und plötzlich waren die 147 Tage vergessen.
Die ersten Minuten?
Nun ja.
Sagen wir so: Der Kopf wusste noch ganz genau, wie Handball funktioniert. Der Körper brauchte
stellenweise noch ein Software-Update. Ein Pass landete nicht ganz da, wo er sollte. Ein Laufweg
wurde kreativ interpretiert. Und einige von uns merkten relativ schnell, dass Kondition und Realität
manchmal zwei unterschiedliche Dinge sind.
Aber dann passierte etwas. Mit jedem Ballgewinn wurden wir mutiger. Mit jedem Tor sicherer. Mit jeder
Abwehraktion lauter. Auf einmal war sie wieder da. Diese Magie. Dieses Gefühl, für die Mitspielerin
neben sich zu kämpfen. Gemeinsam zu jubeln. Gemeinsam zu leiden. Gemeinsam zu lachen.
Die Bank feuerte an, als würden wir gerade um die Meisterschaft spielen. Jeder Treffer wurde gefeiert.
Jeder Ballgewinn beklatscht. Und wenn einer Elfe ein Fehler passierte, waren sofort die anderen da.
Genau so soll Handball sein.
Das Spiel blieb bis zur letzten Minute spannend. Keiner schenkte dem anderen etwas. Wir kämpften,
liefen, warfen, verteidigten und glaubten bis zum Schluss an unsere Chance.
Und dann erklang die Schlusssirene.
22:21 für den MSV Dresden III.
Ein einziges Tor. Dieses eine Tor, das am Ende den Unterschied machte. Natürlich tat das weh.
Natürlich standen wir da und dachten darüber nach, wo vielleicht noch ein Pass, ein Wurf oder eine
Abwehraktion mehr möglich gewesen wäre.
Aber während wir uns verabschiedeten, wurde auch etwas anderes klar:
Wir haben nicht verloren, weil uns der Wille fehlte.
Im Gegenteil.
Wir haben gekämpft. Wir haben zusammengehalten. Wir haben als neue Mannschaft gezeigt, wie viel
Herz in uns steckt. Nach 147 Tagen ohne Punktspiel haben wir uns nicht versteckt, sondern einem
starken Gegner die Stirn geboten und bis zur letzten Sekunde alles gegeben.
Und ganz ehrlich, liebes Tagebuch:
Manchmal sagt eine Niederlage mit einem Tor weniger über eine Mannschaft aus als ein deutlicher
Sieg.
Denn Charakter zeigt sich nicht, wenn alles läuft. Charakter zeigt sich, wenn man aufsteht, obwohl es
weh tut.
Das nächste Spiel wird kommen. Die nächsten zwei Punkte auch.
Und wenn wir weiter so zusammenhalten wie an diesem Sonntag, dann werden wir noch viele schöne
Momente erleben.
Jetzt brauche ich allerdings dringend eine Couch, eine Decke und ungefähr drei Tage Schlaf.
Deine glückliche, stolze und völlig erschöpfte Handball-Elfe
Auf der Bank und auf dem Feld mit ganz viel Herz dabei:
Lena, Elisa (Tor), Alexa (3), Egle (1), Grit, Janina (5), Jenny, Katrin (4), Resi, Steph (1), Lotti (1),
Vivi, Julia (3), Maria (3), Lysann & Dave ❤️