Prime-Time-Spieltag
03.10., 19 Uhr, auswärts im nahe gelegenen Meißen. Für Schreiberline ist diese Anwurfzeit ein wirklich gewöhnungsbedürftiges Unterfangen. Normalerweise sitzt sie an Heimspieltagen zuverlässig von 10 bis 22 Uhr in der LOK. Tagesplanung abgeschlossen, keine weiteren Fragen. Und jetzt? Ein kompletter freier Vormittag? Ohne Wischdienst, Hallenluft und die Frage, ob sich ein weiterer RedBull vorm eigenen Spiel noch lohnt? Was macht man denn bitte damit?
Na gut, vielleicht ein bisschen Haushalt. Endlich mal die fünf Ladungen Wäsche waschen, die sich seit Wochen im Bad zu einer eigenständigen Wohngemeinschaft zusammengeschlossen haben. Hinter der Couch saugen und dabei drei Haargummis, einen einzelnen Socken und genug Staub für eine weitere Mitbewohnerin finden. Dieses eine Regal in der Küche aufräumen, in dem sich alles befindet, außer dem, was man gerade sucht. Den Kühlschrank putzen und feststellen, dass die angebrochene Soße inzwischen vermutlich selbst Handball spielen könnte.
Dann noch das Bad schrubben, die Bettwäsche wechseln, den Müll runterbringen, die Pflanzen gießen und die saubere Wäsche tatsächlich wegräumen, statt sie die nächsten zwei Wochen vom Wäscheständer zu leben. Sogar die berüchtigte „Das räume ich irgendwann mal auf“-Schublade muss dran glauben. Kurz überlegen, ob man die Gewürze alphabetisch sortiert... So weit ist es also schon gekommen.
Und dann? Sitzt man auf dem frisch gemachten Bett, schaut auf die Uhr und denkt sich: „Fuck. Erst 12:30 Uhr.“ Die Wohnung bereit für eine Übergabe, Schreiberline bereit für die nächste Beschäftigungsmaßnahme.
Dann könnte man ja noch einkaufen gehen … ach nee, Feiertag. Auch das noch. Was macht man also als Handballerin ohne weitere nennenswerte Hobbys? Richtig: das Dyn-Abo nutzen und sich vor dem eigenen Spiel noch mal anschauen, wie das eigentlich auszusehen hat. Dabei ungefähr zwanzigmal das obligatorische „Hä, warum spielen die das nicht so und so? Ist doch klar, dass das nicht klappt!“ oder „Also, den hätte ich ja reingemacht!“ droppen. Vom Sofa aus liegt die eigene Trefferquote schließlich bei stabilen 100 Prozent.
Anschließend noch mehr oder weniger erfolgreich bei Pinterest nach Inspo für die Spielfrisur suchen. Drei Flechtfrisuren, zwei Tutorials und eine kleinere persönliche Krise später wird es selbstverständlich wieder der Dutt.
Aber genug von meinen Problemen, die sich vermutlich lösen ließen, wenn es neben Handball noch andere Dinge in meinem Leben gäbe.
!!! Handballerische Spitzenanalyse folgt !!!
Schaut man sich die Spielprotokolle der vergangenen Saison an, könnte man meinen, dass beiden Teams das Auswärtsspielen nur so mittel liegt (böse zungen würden sagen: Klassische Heimscheißerinnen): Während der VfL Meißen unseren Elfen im heimischen LOK-Schuppen deutlich unterlag, mussten sich die Elfen in Meißen geschlagen geben. Fazit: heute alles offen. Zumal beide Mannschaften seitdem personelle Veränderungen durchgemacht haben.
Schon bei der Erwärmung waren die Elfen on fire. In der Kabine liefen wie immer ausschließlich Banger – danke an Nasty für die absolut gekochte Playlist! Die Stimmung war auf dem Peak und unsere Mädels hatten richtig Bock. Vielleicht bin ich mit meinem Anwurfzeitproblem auch einfach alleine.
Angezündet wie ein Feuerwerk ging es zur letzten Besprechung in die Kabine. Neben Traubenzucker und Capri-Sonne hatten unsere Trainer:innen noch einige Hinweise und die Aufstellung für uns parat. Dann hieß es: „1, 2, 3 – Team!“ Und los!
Die ersten Minuten lassen sich ziemlich einfach zusammenfassen: Unsere Elfen stellten eine unfassbar starke Abwehr. Da wurde großes Feuer gemacht! Gute Kommunikation, schnelles Verschieben, konsequentes Aushelfen, hohe Blockbereitschaft und eine überragende Leistung unserer Torhüterinnen sorgten dafür, dass die Gastgeberinnen nach 13 Minuten gerade einmal drei Treffer auf dem Konto hatten.
Auch vorne lief es ordentlich: Über Konter, schnelle Mitten und einen dynamischen Positionsangriff erspielten wir uns gute Chancen. „Ausbaufähiger Abschluss“ wäre hier eigentlich der einzige Kritikpunkt, den Schreiberline anbringen würde. Trotzdem konnten sich die Elfen bis zur 20. Minute auf 6:11 absetzen.
Da aber bekanntlich keine Mannschaft des ESV dafür berühmt ist, ein Spiel ohne Spannung zu absolvieren, dachten wir uns: Warum ausgerechnet heute damit anfangen? Also ließen wir das mit dem Treffen und den guten Pässen zwischenzeitlich einfach sein. Kann man machen, muss man aber nicht- Hot Take.
Meißen fing dagegen an zu kochen und verkürzte den Abstand bis zur Halbzeit auf ein knackiges 12:13. Schere an dieser Stelle für alle Zuschauenden, die sich inzwischen fragten, wofür sie eigentlich Eintritt bezahlt hatten.
Nun könnte man meinen, dass die Halbzeitansprache unserer Coaches die versteckten Kräfte wieder hervorgeholt hätte. Irgendwie waren die nach Wiederanpfiff aber weiterhin nicht aufzufinden. Dabei ist Ostern doch noch eine Weile hin – warum also diese Sucherei?
In der 43. Minute stand es schließlich 18:18. Und man fragt sich: Woran hat’s gelegen? Na ja, am Ende fragt man sich immer, woran’s gelegen hat …
Das wurde uns dann aber doch ein bisschen zu aufregend. Wir sind schließlich auch nicht mehr die Jüngsten, und dieser ganze Stress ist auf Dauer sicherlich nichts fürs Herz. Also wurden die letzten versteckten Kraftreserven doch noch hinter irgendeinem Busch im Garten gefunden und der Ball lief wieder wie von Zauber- … ähm, ich meine natürlich Elfenhand durch die Halle.
Ein 21:25 gefiel uns jedenfalls wesentlich besser. Und weil wir unsere aufregende Phase bereits hinter uns hatten und eine zweite nun wirklich den Rahmen gesprengt hätte, entschieden wir uns kurzerhand, den Sack zuzumachen. Endstand: 22:28 – Auswärtssieg für die Elfen!
Wir sind sehr zufrieden mit unserer Leistung, nehmen aber auch klare Aufgaben für die nächsten Trainingseinheiten mit. Starke Abwehr? Gerne wieder. Die zwischenzeitliche Spannungseinlage? Darüber verhandeln wir noch.
Aktuell chillen wir auf Platz 3 der Tabelle und sind hyped, beim nächsten Heimspiel gegen Lommatzsch weitere Pünktchen zu sammeln.
Bevor wir das in Angriff nehmen, haben wir uns allerdings gedacht: Mensch, so ein kleiner Tagestrip wäre doch ganz nice. Ein bisschen Teambuilding und so, ihr checkt. Was bietet sich da an? Ein Ausflug nach Prag?
Nee, Quatsch. Sachsen hat doch so viele schöne Örtchen zu bieten. In Zwönitz zum Beispiel waren wir noch nie. Bestimmt hübsch dort. Außerdem kann man da ganz nebenbei die erste Runde des Landskronpokals zocken. Also: hin da!
Schreiberline wird dort immerhin nicht wieder von einer ungewohnt späten Anwurfzeit gehumbled. Anwurf ist nämlich schon um 14 Uhr. Aufgrund der Lage erfolgt die Abfahrt dafür wahrscheinlich mitten in meinem Schönheitsschlaf. Aber na ja – irgendwas finde ich auch immer zu meckern.
Für alle, die der Gen-Z-Sprache inzwischen outgrown sind: Hier noch mal ein kleines Wörterbuch.
- Outgrown: Etwas entwachsen sein. In diesem Fall: sprachlich bereits bei einem etwas erwachseneren Wortschatz angekommen.
- Droppen: Einen Spruch beiläufig fallen lassen. Besonders beliebt bei taktischen Weltklasseanalysen vom heimischen Sofa.
- Inspo: Inspiration.
- On fire / angezündet / großes Feuer machen: Hoch motiviert sein und ordentlich abliefern. Die Halle blieb baulich unversehrt.
- Banger: Ein richtig guter Song. Objektiv natürlich ausschließlich das, was in unserer Kabine läuft.
- Kochen / gekocht: Stark abliefern beziehungsweise etwas richtig gut hinbekommen. Gilt für Playlists und Handballphasen; ein Herd ist optional.
- Peak: Höhepunkt. Stimmung ganz oben.
- Hot Take: Eine zugespitzte, vermeintlich kontroverse Meinung. Dass Torewerfen hilfreich ist, gilt bei uns offenbar schon als steile These.
- Schere: „Mein Fehler“ beziehungsweise „Geht auf meine Kappe“. Hier kollektiv für die ungefragt eingebaute Spannung.
- „Woran hat’s gelegen?“: Legendäre Fußballinterview-Weisheit. Die Frage wird mehrfach wiederholt, eine konkrete Antwort bleibt optional.
- Den Sack zumachen: Den Sieg endgültig sichern. Trotz Elfenhandwerk keine Nähkenntnisse erforderlich.
- Chillen: Entspannt verweilen. Auf Tabellenplatz 3 vorerst durchaus angenehm.
- Hyped: Voller Vorfreude sein. In meinem Fall meist bis zum ersten Blick auf die Abfahrtszeit.
- Nice: Schön, cool oder einfach gut. Für einen Ausflug nach Zwönitz vorerst optimistisch verwendet.
- Ihr checkt: „Ihr versteht schon, was ich meine.“ Spart weitere Erklärungen – außer man schreibt anschließend ein Wörterbuch- ups.
- Zocken: Spielen. Hier ausnahmsweise mit Sportschuhen statt Controller.
- Gehumbled: Auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Zum Beispiel durch einen Wecker, der keinerlei Respekt vor dem Schönheitsschlaf hat.
Für die Elfen spielten:
- Schulenburg (Tor), E. Bormann (Tor), R. Cyliax, L. Thiel (4), T. Hankowiak, C. Kirsch (1), K. Bloedorn (3), J. Kammel (3), S. Jäger, E. Fiegert (2), T. Scholz (2), F. Schönherr, J. Wegert (1), A. Naboka (12)
Elfencoaches:
- Hauschild, P. Thum
Viviane Hauschild